Ein Jahr BFSG (und warum ich Overlays immer noch nicht mag)
Moin!
Stell dir einen Laden vor, der einen Korb mit Einheits-Lesebrillen an die Tür hängt und jede:n Käufer:in bittet, eine aufzusetzen.
Selbst Diejenigen, die bereits eine Brille tragen. Der Hersteller wirbt sogar damit: „Einfach davor setzen, die Brille wurde speziell dafür optimiert, dass sie vor einer anderen Brille getragen werden kann.“
Der Effekt: Für die meisten Besucher:innen wird dadurch alles nur unschärfer. Und die kleinen, schwer lesbaren Preisschilder im Laden? Sie bleiben verschwommen.
Klingt verrückt?!
Aber genau das tut ein Accessibility-Overlay: dieses kleine Symbol unten in der Ecke einer Website.
Ein Klick, und schon lassen sich Kontraste erhöhen, Schriften vergrößern, Inhalte vorlesen. „Barrierefrei auf Knopfdruck“, versprechen die Anbieter. Es stülpt jedem seine Generallösung über – während die Betroffenen ihre eigene, fein justierte Lösung längst haben.
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) wird bald ein Jahr alt. Doch schon vor dem Start wurden diese Tools kräftig beworben.
Ich war nie ein Freund davon. Vor einem Jahr nicht und auch heute nicht. Weil ich der Meinung bin, dass echte Zugänglichkeit nicht durch ein „aufgesetztes Skript“ erreicht werden kann. (s.a. Contao Show #18 und #19)
Aber hey, vielleicht hat KI ja mittlerweile alles besser gemacht. Also habe ich ein wenig recherchiert und hier ist das Ergebnis:
Was die Betroffenen selbst dazu sagen
Menschen mit Behinderung haben ihre Hilfsmittel meist über Jahre auf sich eingestellt – Screenreader wie JAWS, NVDA oder VoiceOver, Bildschirmlupen, Sprachsteuerung, eigene Browser- und Systemeinstellungen. Das ist ihre maßgeschliffene Brille.
Genau in diese Umgebung greifen Overlays ein. Statt zu helfen, stören sie oft: Sie erschweren die Tastaturnavigation, überlagern die Ausgabe des Screenreaders oder erzeugen doppelte Ansagen. Sie stören so sehr, dass es inzwischen Browser-Erweiterungen gibt, deren einziger Zweck es ist, solche Overlays wieder abzuschalten.
Eine WebAIM-Umfrage bringt es auf den Punkt: Rund 72 % der Befragten mit Behinderung bewerteten diese Tools als gar nicht oder kaum wirksam. Und die offiziellen Überwachungsstellen des Bundes und der Länder haben ausdrücklich vor Overlay-Tools gewarnt.
Was ist mit Funktionen wie „Überschriften hervorheben“?
Für die eigentliche Zielgruppe meist überflüssig. Ein Screenreader springt ohnehin von Überschrift zu Überschrift, erkennt Listen und Formularfelder – vorausgesetzt, das HTML ist sauber ausgezeichnet. Und genau das kann ein nachträglich aufgesetztes Skript nicht zuverlässig reparieren. Automatisiert lassen sich nur rund 30 % der Barrieren überhaupt erkennen. Die restlichen rund 70 % brauchen menschliches Urteilsvermögen und echte Änderungen im Code.
Und rechtlich?
Hier wird es für Website-Betreiber:innen unangenehm. Ein Overlay schafft keine Rechtssicherheit – im Gegenteil. In den USA richtete sich zuletzt rund ein Viertel aller Barrierefreiheits-Klagen gegen Seiten, die ein Overlay einsetzten. Nicht trotz, sondern wegen des Widgets: Es signalisiert, dass jemand um seine Probleme weiß und eine „billige“ Abkürzung gewählt hat, statt sie zu beheben. Fürs BFSG heißt das schlicht: Ein Overlay erfüllt die Anforderungen der WCAG 2.2 nicht.
Der richtige Weg
Echte Barrierefreiheit ist kein Hexenwerk, wenn sie von Anfang an mitgedacht wird. Nutzer:innen merken sehr wohl, wenn eine Seite bewusst zugänglich gestaltet ist – sie loben klare Strukturen, sprechende Linktexte und sichtbare Fokusindikatoren.
Genau das liefern wir im Code statt im Widget:
- Semantisches HTML und eine saubere Überschriftenhierarchie
- Tastaturbedienbarkeit und nachvollziehbare Fokusführung
- Ausreichende Kontraste und skalierbare Schrift ohne Layoutbruch
- ARIA nur dort, wo es wirklich nötig ist – nicht als Pflaster
Das ist nachhaltiger, rechtssicher und nebenbei gut fürs SEO. Drei Fliegen mit einer Klappe.
Wenn du nicht weißt, wo eure Website beim BFSG steht, schauen wir gemeinsam drauf – mit echtem Test statt Knopfdruck-Illusion. Antwortet einfach auf diese Mail, Nicole oder ich melden uns.
Erstma’,
Dennis
PS: Ein befreundeter Frontend-Entwickler sucht einen neuen Job. Contao Spezialist mit zusätzlicher Expertise in React, TS, Express und node. Wenn du jemanden suchst oder jemanden kennst, melde dich gerne bei mir. Ich stelle den Kontakt her.
Quellen zum Nachlesen
- Überwachungsstellen des Bundes und der Länder, eingeordnet beim BIK BITV-Test – bitvtest.de
- German UPA, Arbeitskreis Barrierefreiheit – germanupa.de
- Digitale Barrierefreiheit e.V. – digitalebarrierefreiheit.org
- Technische Detailanalyse mit Testbeobachtungen – barrierefreiheit.online
- Marktüberblick der Anbieter – zentrum-barrierefreiheit.de
- Nutzererfahrungen aus Betroffenenperspektive – ifdb-barrierefreiheit.de